Der gegenwärtige Menschentyp bezeichnet sich selbst als ein »wissender, vernunftbegabter Mensch«, in seinem Verhalten erweist er sich jedoch oft nur als ein »vernunft- und moralbefähigtes Mängelwesen«.
Die gegenwärtige Menschheit verfügt über mehr Wissen und Können, als es in ihrer Vergangenheit jemals der Fall gewesen ist. Zu grundlegenden Änderungen im ethischen Verhalten hat dies jedoch bisher nicht geführt $ndash; trotz zahlreicher Fortschritte bei der Entwicklung und Durchsetzung von ethischen Normen, universellen Menschenrechten und freiheitlichen rechtsstaatlichen Demokratien sowie bei naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und technischen Fähigkeiten.
Wir wissen heute, dass unser Universum vor ca. 13,7 Mrd. Jahre nach einem »Urknall« entstanden ist, aber woraus es letztlich besteht und ob es evtl. mehrere Universen, ein Multiversum gibt, das wissen wir nicht – vielleicht noch nicht; auch nicht, was der Urknall genau war und was seine Ursache ist. Wir wissen z. B. nicht, woraus der Großteil des Universums besteht; denn 95% sind uns unbekannt. 5% machen die Materie aus, die wir zurzeit in Berechnungen vorhersagen, 70% sind dunkle Energie, über die wir bisher nichts wissen, 25% sind dunkle Materie, zu der wir noch nichts gefunden haben. Ein Standartmodell der Teilchenphysik scheint jetzt bestätigt zu sein, da man beim europäischen Teilchenforschungszentrum CERN das sog. Higgs-Teilchen, das letzte fehlende Teilchen in der derzeit schlüssigsten Theorie vom Aufbau der Materie, entdeckt hat. Es ist ein erster Schritt zum Finden von Spuren der sog. Supersymmetrie, nach der für jedes Teilchen ein zweites existiert, ein »Schattenteilchen«, eine Antimaterie, die es dauerhaft wahrscheinlich gar nicht gibt. Wo ist die Antimaterie geblieben? Warum sind Materie und Antimaterie nicht zu gleichen Teilen vorhanden? Aus der Dichte der Teilchen im uns bekannten Universum lässt sich errechnen, wie das Verhältnis der beide Teilchenarten zueinander gewesen ist. Bei der Entstehung des Universums muss eine Asymmetrie zwischen Materie und Antimaterie entstanden sein, auf die das gesamte materielle Dasein zurückzuführen ist – eine geheimnisvolle Welt mit noch sehr vielen Unbekannten, der wir auch unsere irdische Existenz verdanken.
Wir wissen auch, wie sich das irdische Leben in einem langen biologischen Evolutionsprozess im Rahmen einer großen Vielfalt von Möglichkeiten in einem Wechselspiel, Zusammenwirken von Notwendigkeiten, Selbstorganisation und natürlicher Auslese entwickelt hat. Bei den biochemischen Prozessen spielte neben Materie Energie eine bedeutende Rolle und wirkte wohl auch immer das mit, was wir als Zufall bezeichnen. Da unter den irdischen Bedingungen nur Pflanzen Biomasse bilden können, d. h. alle notwendigen Substanzen selbst aufbauen können, ist das gesamte tierische und menschliche Leben auf diese biochemischen und physikalischen Prozesse zurückzuführen. Daraus folgt: der Mensch ist von der Natur abhängig – die Natur aber nicht vom Menschen, auch wenn er sie vielfach positiv und negativ beeinflussen kann. Den Menschen als ein gesondertes Geschöpf gibt es nicht, er ist ein Produkt der Evolution – unbeeinflusst von ihm von der biologischen Evolution und selbstgestaltet von der soziokulturellen. Den Ablauf kennen wir recht gut: Entstehung der Erde vor 4,6 Mrd. Jahren, erste Einzeller im Wasser vor 3,8, zweigeschlechtliche Tier vor 1,2 Mrd. Jahren, Landgang der Tiere vor 380 Mio. Jahren, warmblütige Säugetiere vor 140 Mio., erste Primaten vor 80 Mio., Beginn des aufrechten Ganges vor 10 Mio., Vormensch »Lucy« vor 3,2 Mio., Gattung Homo vor 2,5 Mio., Homo erectus vor 1,8 Mio. Jahren, Homo Neanderthalensis in Europa von 250 000 bis 30 000 v. Chr., Homo sapiens in Afrika vor 180 000, Auswanderung aus Afrika vor 100 000 Jahren mit Ausbreitung nach Europa, Asien, Nordamerika. Vor 10 000 Jahren begann mit der Sesshaftwerdung (Dorfgemeinschaften, Ackerbau und Viehzucht) eine soziokulturelle Evolution, die uns zu den gegenwärtigen Lebensbedingungen geführt hat. Damit wissen wir, dass der Mensch keine eigenständige Schöpfung ist. Er ist das bisherige Produkt – vermutlich nicht das Endprodukt – eines langen »Schöpfungs- und Entwicklungsprozesses«. Was der Ursprung ist, was dahinter wirkt, das wissen wir nicht. Dies ist nach wie vor eine Glaubensfrage.
Was vermögen wir überhaupt zu erkennen? Unser Grunddilemma ist wohl, dass wir zwischen Information und Wirklichkeit nicht in einer operationellen, nachvollziehbaren Weise unterscheiden können. Es ist daher sinnlos, über eine Wirklichkeit zu sprechen, über die wir keine Informationen haben. Es wird dann das, was wir wissen können, zum Ausgangspunkt für das, was Wirklichkeit sein soll, sein kann. In dieser Sicht ist aber die Wirklichkeit das, was wir haben, unsere Informationen, unsere Sinneseindrücke und die Antworten auf die Fragen, die wir stellen. Zur Wirklichkeit – was immer das sein mag – haben wir nur indirekten Zugang. Sie ist für uns stets etwas – ein Bild, eine Vorstellung, ein Glaube – welches wir aufgrund unserer Vorstellungen und Erfahrungen konstruieren.
Die entscheidenden Fragen unseres Seins: »Was ist die letzte Grundlage des Lebens?« und »Was ist nach unserem Tod?«, werden wir wohl nie beantworten können. Der Tod ist auch die einzige Gleichheit und Gerechtigkeit im Leben, da er jeden ohne Ausnahme betrifft, wenn auch in Art und Zeit unterschiedlich. In dieser Hinsicht bleiben uns nur Glauben und Hoffen als Antworten. Wir sollten jedoch stets prüfen, ob und wieweit wir nach den Grundlagen unseres jeweiligen Glaubens tatsächlich leben; denn entscheidend ist, wie wir handeln – nicht wie wir lehren, predigen, reden, und wesentlich sind nicht historische Prozesse, Legenden, Traditionen, Rituale, Symbole, sondern die Hoffnung gebenden Glaubensinhalte und die ethischen Glaubensgrundlagen.
Wir wissen auch, dass unser Organismus ein hoch entwickelter, komplizierter Mehrzeller ist – ein ca. »Hundertbillionenzeller« – mit einem recht perfekten Kontrollmechanismus, durch den in Billionen Zellen alles nach Plan verläuft. Bei jeder Zellteilung und der damit erfolgenden Verdoppelung der über 3 Millionen Bausteine des menschlichen Genoms sollen nur etwa 12 Fehler entstehen. Das ist ein sehr präziser Prozess. Bei Billionen Zellen kann es dennoch zu zahlreichen Fehlern, die zu Behinderungen und Krankheiten führen, kommen. Unser Organismus ist zudem eine bunte Lebensgemeinschaft mit Milliarden von Mikroorganismen, die ein vielfältiges, artenreiches Ökosystem bilden, eine menschliche Mikroflora.
Unser hoch entwickelter Organismus ist zugleich die Basis für vielfältige und sehr unterschiedliche körperliche, geistige und psychische Eigenschaften und Verhaltensweisen, die wir kulturell und medizinisch mit mehr und weniger Erfolgen zu beeinflussen versuchen. Dabei hat es, vor allem in den letzten 200 Jahren, große Erfolge gegeben. In den sog. entwickelteren Regionen leben die Menschen heute im Durchschnitt länger und besser als jemals zuvor. Aber auch hier ist es bisher nicht gelungen, die erheblichen Unterschiede und die große Wechselhaftigkeit im Denken und Verhalten der Menschen zueinander und zur Natur auszugleichen: neben Nächstenliebe, Barmherzig, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Schutz der Umwelt gibt es ungezügelte Gier, Habsucht, Gewalt, Machtstreben, Ausbeutung von Mensch und Natur sowie Fehlen jeglicher Empathie bei manchen Menschen.
In den letzten Jahrzehnten ist die Menschheit wieder in eine völlig neue Phase ihrer Entwicklung eingetreten: die Erdbevölkerung hat sich mehr als verdoppelt, moderne Information- und Kommunikationssysteme haben unser Wissen und den Wissenstransfer erheblich erweitert und beschleunigt sowie globalisiert, der Rohstoffverbrauch und die Umweltbelastungen haben in besorgniserregendem Maße zugenommen. Auch erstmals in der Menschheitsgeschichte gibt es Kulturtechniken über die jüngere Menschen genauso viel an Kenntnissen und Erfahrungen haben wie ältere, ihnen z. T. sogar überlegen sind. Die digitale Meinungsbildung wird zunehmend zu einer neuen gesellschaftlichen und politischen Macht. Es gibt eine neue mediale Öffentlichkeit. Wissen allein verändert aber kein Verhalten – es kann sogar negative Verhaltensweisen verstärken: neue Massenvernichtungswaffen und präzise Tötungsinstrument ferngesteuert über große Entfernungen, computergesteuerte Finanzoperationen (Algorithmen), um schnellere und größere Gewinne zu erzielen, ein gefährliches Auseinanderklaffen zwischen Armen und Reichen – auch in den entwickelteren Ländern. Der technische Fortschritt scheint zurzeit schneller zu sein als die weitere Evolution unseres Gehirns und unseres Sozialverhaltens.
Was der Homo sapiens in seiner gegenwärtigen Existenzphase dringend braucht, ist eine neue, diesmal globale Aufklärung, die zu einem neuen Verständnis seiner Existenz führt und sein ethisches Verhalten – Moral und Sitte – dem Mitmenschen und der Natur gegenüber reformiert und stärkt. Eine wesentliche Grundlage dafür sind globale Rechtssysteme, die annähernde Rechtsgleichheit und Rechtssicherheit auf der Basis der universellen Menschenrechte sichern sowie Bildungssysteme, die neben der Fremderziehung Selbsterziehung und Selbsterkenntnis stärken. Dazu ist globale Dialogbereitschaft unerlässlich.