Lernerfolg statt Lernbulimie
Lasst uns Schule machen! Mit diesem doppelsinnigen Aufruf forderte Steve Bauer, Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband e. V. im Bezirk Unterfranken im Rahmen der Gerbrunner Gespräche der SPD ein Umdenken in der Schulpolitik. Dabei müsse nicht unbedingt immer die Frage der Schulstruktur im Vordergrund stehen. Wichtiger sei ein neues Verständnis des Lernens, basierend auf Erkenntnissen der Neurobiologie und Psychologie. Wird Lernen erst mit Angst oder Frust verknüpft, werde die Schule zur Qual. Ergebnis sei sinnloses Auswendiglernen und wieder Vergessen (»Lernbulimie«), so Bauer. Nur eigenaktives, weitgehend selbstbestimmtes Lernen führe zu nachhaltigem Erfolg, wie jeder aus eigenem Erleben weiß und wie anwesende Lehrer nur bestätigen konnten.
Die heutige, wissensbasierte Gesellschaft (Stichwort Lebenslanges Lernen) wird ein solches Umdenken bewirken, wenn nicht sogar erzwingen. Finnland ist auf diesem Weg schon weit. Die dortigen Lehrpläne sind mit den umfassenden Lernzielkatalogen, die es in Bayern immer noch gibt, die den Kindern und Jugendlichen genau aufzwingen, was sie wann zu lernen haben, nicht zu vergleichen. In Skandinavien wird die Schule in die Verantwortung genommen, den Schülern zum Erreichen der Bildungsstandards zu verhelfen. Der genaue Weg und die Geschwindigkeit werden für jedes Kind individuell festgelegt. In Deutschland sind in mehreren Bundesländern, darunter auch Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen, vielversprechende Schulmodelle auf dem Weg. Auch alternative private Schulen wie Montessori und Jenaplan gehen beachtenswerte Schritte. Die beharrenden Kräfte sind jedoch noch stark - gerade in Bayern. Denn viele Bildungspolitiker, Eltern und auch Lehrer haben das alte System verinnerlicht. Jedoch, so Bauer, wird die demographische Entwicklung zunächst vor allem in Gebieten wie der Rhön, Miltenberg oder den Haßbergen Fakten schaffen, die ein Umdenken beschleunigen. Die intensive Diskussion während und nach dem Vortrag zeigt, dass dieses Umdenken auch in Gerbrunn schon begonnen hat.
Das jetzige Schulsystem stamme im Prinzip aus dem 18ten Jahrhundert und sollte die »gottgewollte« Gesellschaftsordnung (Bauern, Bürger, gehobene Stände) widerspiegeln. Diese Abgrenzung führe gerade in Bayern zu verstärkter Frustration der Schüler, wie zum Beispiel die hohe Abbruchquote, die Durchlässigkeit nach unten und der enorme Umfang der Nachhilfestunden zeigten. Besonders der Zwang zur gleichen Leistungsstärke, der vermeintlichen Homogenität in den Klassen führe in die Sackgasse. Steve Bauer fordert, wieder mehr Verschiedenartigkeit in den Schulen (z.B. in Begabung oder Behinderungen) zuzulassen, was von selbst konsequent zu einem verstärkten Eingehen auf die individuellen Eigenschaften der Schüler führe. Das sei dann eben keine »Einheitsschule«, wie Minister Spaenle immer behaupte, sondern eine Schule, die Kinder nicht nach Jahrgangsstufe und Schulart in Schubladen stecke, sondern nach individuellen Leistungsmöglichkeiten und -grenzen bestmöglich fördere. Ziel solle auch ein erweiterter Leistungsbegriff sein, der auch soziales Verhalten und vor allem auch die Steigerung des Selbstvertrauens umfasse.